Benigner paroxysmaler Lagerungsschwindel (gutartiger Lagerungsschwindel, BPLS)

Der gutartige Lagerungsschwindel ist eine der häufigsten Schwindelursachen. Meist ab dem 40. Lebensjahr aufwärts kann es im Gleichgewichtsorgan zu einer altersbedingten Ablösung von Kalkkristallen (sog. Otolithen) kommen, die dann besonders während der Nacht in die hinten im Gleichgewichtsorgan liegenden Drehrezeptoren (sog. Bogengänge, jeweils drei auf jeder Seite) wandern. Dort führen sie bei bestimmten Bewegungen (ins Bett legen, aus dem Bett aufstehen, im Bett umdrehen, beim Kopf in den Nacken legen oder beim schuhezubinden) zu einem sekundenlangen Drehschwindelgefühl, teilweise auch einhergehend mit Übelkeit und Erbrechen. Von dieser Erkrankung gibt es verschiedene Formen, je nach dem welcher Bogengang erkrankt ist, die sich anhand von spezifischen Augenbewegungen unterscheiden lassen. Für jede dieser unterschiedlichen Formen gibt es eine spezielle Übung (sog. Befreiungsmanöver) mit der die Kristalle wieder von der falschen Stelle weggebracht werden können (Manöver: Semont, Epley, Barbeque Rotation, Gulfoni, Brandt-Daroff, Rhako). Hat ein Patient einmal diese Erkrankung gehabt, dann kann sich diese in gewissen Abständen wiederholen.

Neuropathia vestibularis (Neuronitis vestibularis, einseitige vestibuläre Läsion))

Bei diesem Krankheitsbild handelt es sich um eine akute einseitige Funktionsstörung des Gleichgewichtsorgans bzw. des oberen und/oder unteren Gleichgewichtsnerven. Der Patient bekommt akut Drehschwindel mit starker Übelkeit und Erbrechen ohne eine Hörstörung. Ausgelöst werden kann das Krankheitsbild durch eine Virusinfektion des oberen und/oder unteren Gleichgewichtsnerven aber auch durch einen Defekt in einem der 5 Rezeptoren des Gleichgewichtsorgans. Anfangs werden Medikamente zur Linderung der Schwindelbeschwerden und der Übelkeit gegeben. Eine zweiwöchige Therapie mit Kortisontabletten soll die Nervenerholung beschleunigen. Ein gezieltes Gleichgewichtstraining dient dazu, die Ausgleichsfunktion des Gehirns zu aktivieren.

M. Menière

Hierbei handelt es sich um eine Anfallserkrankung, bei der mehrstündige Drehschwindelanfälle mit Übelkeit, Erbrechen, einseitigem Druckgefühl im Ohr, sowie einseitiger Hörminderung und Tinnitus auftreten. Es gibt Sonderformen, bei denen entweder wiederholte Tieftonhörminderungen oder auch selten Schwindelanfälle ohne Hörminderung vorkommen. Ursache dieser Erkrankung ist eine Druckerhöhung in der Innenohrflüssigkeit (sog. endolymphatischer Hydrops), die sich teilweise mittels der Electrocochleographie nachweisen lässt. Die in den vergangenen Jahrzehnten vorgeschlagenen Therapien sind vielfälltig. Zur Zeit steht an erster Stelle die Therapie mit Betahistin ggf. als als Hochdosistherapie. Mit diesem Medikament lässt sich in den meisten Fällen eine deutliche Reduktion der Schwindelanfallshäufigkeit erreichen. Ist diese Therapie nicht wirksam, so muss individuell für jeden einzelnen Patienten ein Alternativtherapie eingeleitet werden. Hierzu zählen entwässernde Therapien (Osmofundin®, Diamox®, Kortison- oder Gentamycininjektion in das Mittelohr, Saccusdekompression ggf. Saccotomie, Labyrinthektomie oder Neurektomie.

Migräneschwindel

Eine weitere wichtige Erkrankung ist der sog. Migräneschwindel. Diese Erkrankung kann sowohl mit einem M. Menière als auch gelegentlich mit einem gutartigen Lagerungsschwindel (BPLS) verwechselt werden. In der Regel haben die Patienten zusätzlich zum Schwindelgefühl einige der typischen Migränesymptome (Kopfschmerzen, Aura, Lichtempfindlichkeit, Geräuschempfindlichkeit, Übelkeit). Die Therapie der Migräneprophylaxe richtet sich nach der Anfallshäufigkeit.

Vestibuläre Paroxysmie

Bei dieser Erkrankung beklagen die Patienten ein Schwindelgefühl von Sekunden bis Minuten Dauer, häufig in Verbindung mit einem einseitigen Orhgeräusch. Die kurzen Anfälle können bis zu hundert Mal am Tag auftreten. Ursächlich liegt diesem Krankheitsbild eine Irritation des Hör- und Gleichgewichtsnerven ausgelöst durch den Kontakt mit einem Blutgefäß des Gehirns. Mittels des Wirkstoffs Carbamazepin lassen sich die Anfälle gut behandeln.

Perilymphfistel

Das Gleichgewichtsorgan ist gemeinsam mit der Hörschnecke nahezu komplett von Knochen umgeben. An zwei Stellen finden sich in der Knochenschale jedoch Öffnungen:
Im ovalen Fenster befindet sich der sog. Steigbügel, der dort den Kontakt zur Innenohrflüssigkeit herstellt. Das runde Fenster dient dem Druckausgleich, ist daher nur durch eine Membran verschlossen und grenzt direkt an das Mittelohr.
Durch Druckerhöhung im Kopf beim Pressen oder schweren Heben sowie durch Kopfverletzungen kann es zum Einreißen der Rundfenstermebran kommen. Folge ist ein Austritt der Innenohrflüssigkeit (sog. Perilymphfistel), der zu einer Hörstörung und/oder zu Schwindelgefühl führt.
Besteht der Verdacht auf eine solche Perilymphfistel, so muss das Mittelohr operativ geöffnet und das Loch in der Membran abgedichtet werden.

Dehiszenz des oberen vertikalen Bogengangs

Spontan oder durch Kopfverletzungen kann sich an der Grenze zwischen dem Gleichgewichtsorgan und der harten Hirnhaut der Knochen auflösen, so dass das häutige Gleichgewichtsorgan direkten Kontakt zur harten Hirnhaut bekommt. Dieser Kontakt kann zu verschiedenen Symptomen führen:
Meist beklagen die Patienten Schwindelgefühl ausgelöst durch laute Geräusche oder aber auch durch Druckerhöhungen im Kopf z. B. beim Husten oder Naseputzen. Dieser „Knochendefekt“ lässt sich meist im hochauflösenden coronaren Felsenbein CT nachweisen. Besteht bei dem Patienten ein hoher Leidensdruck, so kann im Rahmen einer transtemporalen Operation der Knochendefekt abgedeckt werden.

Mittelohrentzündung

Man unterscheidet verschiedene Arten von Mittelohrentzündungen.
Die akute Mittelohrentzündung tritt gehäuft im Kindesalter auf, kann aber auch bei Erwachsenen vorkommen.

Schwindel und Unsicherheitsgefühl beim älteren Menschen

Neben den oben aufgeführten Erkrankungen kommt es beim alternden Menschen zu einer Vielzahl von Veränderungen, die zu einer zunehmenden Unsicherheit bzw. zu Schwindelbeschwerden führen können. Hierzu zählen Störungen des Herz-Kreislauf-Systems (hoher Blutdruck, Herzschwäche, Gefäßverkalkungen), Hirnveränderungen (Abnahme der Hirnsubstanz, Durchblutungsstörungen), Beeinträchtigung der Sinnessysteme (Hörminderung, Sehverschlechterung), Gefühlsstörungen in den Füßen (häufig bei Zuckerkrankheit), Muskelabbau, Gelenkverschleiß und nicht zuletzt Nebenwirkungen von Medikamenten.

Angstschwindel (phobischer Schwindel bzw. postvertiginöse Verarbeitungsstörung)

Bei gesunden Menschen läuft die gesamte Gleichgewichtsregulation unbewusst ab. Durch all die oben aufgeführten Erkrankungen kommt jedoch das vorher unbewusst funktionierende System ins Bewusstsein. Darüber hinaus macht Schwindel jeglicher Art den betroffenen Patienten Angst. Diese beiden Faktoren führen dazu, dass auch nach Heilung der eigentlichen Schwindelursache noch ein Unsicherheitsgefühl von dem Patienten wahrgenommen wird. Dieses beruht letztendlich auf einer vermehrten Beachtung des eigenen Körpergleichgewichts gepaart mit der Angst vor neuem Schwindel. Hier ist nach Ausschluss aller organischen Ursachen die detaillierte Aufklärung des Patienten das erste Therapieziel. Nur in wenigen Fällen ist eine zusätzliche psychosomatische bzw. psychotherapeutische Behandlung notwendig.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.